Was ist der absorbierende Geist nach Montessori?

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Wir sagen oft, dass Kinder wie Schwämme sind, die alles um sich herum aufsaugen. Genau diese Vorstellung hatte auch Maria Montessori und beschrieb das mit dem Begriff “absorbierender Geist” von Kindern im Alter von 0 bis 6 Jahren.

Sie beschreibt diese Idee erstmals im gleichnamigen Buch “The absorbent mind” (auf deutsch: “Das kreative Kind“).

Ein absorbierender Geist – er nimmt alles um sich herum auf. Kinder lernen mit all ihren Sinnen. Sie entwickeln sich von einem Zustand der Abhängigkeit über die Zusammenarbeit bis hin zur körperlichen Unabhängigkeit, wo sie beginnen, für ihre eigenen Bedürfnisse zu sorgen.

Was ist der absorbierende Geist?

Der absorbierende Geist ist die erste von vier Entwicklungsphasen, den sogenannten “sensiblen Perioden” (4 Planes of Development im Englischen).

Die sensiblen Perioden beschreiben besondere Zeiträume, in denen Kinder besonders aufnahmefähig für bestimmte Fähigkeiten sind, wie z.B. Sprache oder soziale Fähigkeiten.

Diese Perioden sind eine Art Zeitfenster, in denen das Lernen fast wie von selbst geschieht.

Die erste dieser Phasen wurde von Maria Montessori “der absorbierende Geist” genannt, um zu beschreiben, wie Kinder in den ersten sechs Jahren ihres Lebens die Welt um sich herum wie ein Schwamm aufnehmen.

Deine Muttersprache hast du ja auch nicht gelernt, indem deine Mutter dich hinsetzte und dir Grammatikunterricht gab, während sie deine Windeln wechselte. Du hast sie durch die tägliche Kommunikation mit den Menschen um dich herum aufgenommen.

Du hast alles in deiner Umgebung aufgenommen – das Gute und das Schlechte. Genauso wie ein Schwamm Wasser aufnimmt, egal ob es klar oder schmutzig ist.

Der absorbierende Geist wird in zwei Phasen unterschieden:

  • die unbewusste Phase, in der dein Kind im Alter von 0-3 Jahren durch Erfahrungen lernt
  • die bewusste Phase, in der es dann aktiv nach Wissen und Fähigkeiten strebt im Alter von 3-6 Jahren.
Zwei Kleinkinder erforschen (absorbierender Geist) ein Xylophon
Zwei Kleinkinder erforschen ein Xylophon

Der unbewusste absorbierende Geist (0-3 Jahre)

In den ersten drei Lebensjahren deines Kindes spielt der unbewusste absorbierende Geist eine entscheidende Rolle. Hier einige wichtige Aspekte:

  1. Ordnung: Alles hat einen festen Platz, und Kinder lernen in dieser Phase, Strukturen zu erkennen und zu schaffen. Dies hilft ihnen, sich in ihrer Umgebung zurechtzufinden und ein Verständnis für Ordnung zu entwickeln.
  2. Bewegung: Aktivitäten wie Laufen, Greifen und Klettern sind entscheidend für die Entwicklung der Motorik. Durch solche Bewegungen übt und stärkt dein Kind seine körperlichen Fähigkeiten.
  3. Sprache: Vom ersten unverständlichen Babbeln bis hin zu ganzen Sätzen durchläuft dein Kind einen faszinierenden Lernprozess. Kinder in diesem Alter lernen die Sprache auf natürliche Weise und absorbieren Wörter und Sätze, die sie täglich hören.
  4. Sinnesschärfung: Die Sinne deines Kindes, wie Schmecken, Riechen und Fühlen, verfeinern sich in dieser Phase. Diese Entwicklung hilft dem Kind, seine Umgebung besser zu verstehen und zu erleben.

Durch die Bereitstellung von geeigneten Aktivitäten und Materialien für jede dieser sensiblen Phasen unterstützt du die natürliche Entwicklung deines Kindes.

Aktivitäten und Materialien für jede sensible Periode:

Sensible PeriodeAktivitäten und Materialien
OrdnungPuzzle, Sortierspiele, Alltagsroutinen
BewegungBälle, Klettergerüste, Tanz
SpracheBilderbücher, Lieder, Reime
SinnesschärfungGeschmackstests, Tastspiele, Duftflaschen

Dein Kind speichert alle Erfahrungen unbewusst ab. Daher ist es umso wichtiger, dass wir Erwachsenen im Alltag auf unsere Handlungen und Verhaltensweisen achten.

>>> Lies hier: Das Montessori Baby und wie du dein Kind in den ersten 12 Monaten nach Montessori begleiten und fördern kannst.

Der absorbierende Geist meines Sohnes erforscht Alltagsgegenstände
Alltagsgegenstände bieten einem Baby vielfältige Sinneseindrücke und Lernerfahrungen

So kannst du den unbewussten absorbierenden Geist deines Kindes unterstützen

Und was heißt das nun für uns Erwachsene?

Einerseits hat mir Montessoris Idee vom absorbierenden Geist den Druck genommen, meinen Kindern bereits in so frühem Alter, etwas gezielt beibringen zu wollen. In dem Alter kann man noch nichts aktiv “lehren”.

Umso wichtiger ist aber, was passiv passiert. Dein Kind beobachtet ALLES. Wie du etwas machst, wie du sprichst, wie du und dein Partner miteinander umgehen.

Dein Kind beobachtet und verarbeitet jede Art von Verhalten, positives und negatives. Indem ich mir dessen bewusst war, habe ich versucht, die beste Version von mir selbst zu sein.

Ein persönliches Beispiel: Ich habe von meiner Mutter, eine grundsätzliche Angst vor Hunden internalisiert, obwohl ich selbst nie eine schlechte Erfahrung mit einem Hund hatte. Ich finde das immer sehr schade, fühle mich aber einfach nicht wohl mit Hunden.

Nun habe ich eine panische Angst vor Spinnen. Und indem ich mir dessen bewusst war, wollte ich das nicht auf meinen Sohn übertragen. Ich habe immer betont, wie nützlich eine Spinne ist und so getan, als ob ich mich freue, wenn uns eine Spinne “einen Besuch” abstattet.

Ich bin sogar soweit gegangen, eines Tages, eine Spinne auf die Hand zu nehmen (mit einem Gartenhandschuh). So konnte mein Sohn sie aus der Nähe bestaunen und hat gelernt, dass man vor Spinnen keine Angst haben muss. Ich habe übrigens seitdem auch meine Angst gegenüber Spinnen überwunden.

Deine Einstellung zu Dingen wie Broccoli oder Regenwetter, wie du mit Gegenständen umgehst oder über andere redest – all das prägt dein Kind. Sei dir dessen bewusst und nutze die Gelegenheit, positive Werte und Einstellungen zu vermitteln.

Montessori Material Farbpaletten zum Sortieren
Kind arbeitet mit Montessori Farbpaletten und ordnet Farben zu

Der bewusste absorbierende Geist (3-6 Jahre)

Zwischen 3 und 6 Jahren nutzen unsere Kinder ihren bewussten absorbierenden Geist, um aktiv und mit großer Neugier ihre Umgebung zu erforschen.

In dieser Phase beginnt dein Kind, die Kontrolle über seine Fähigkeiten und Erfahrungen zu übernehmen und die Kultur, in der wir leben, zu verstehen.

Im Gegensatz zum unbewussten absorbierenden Geist der ersten Lebensjahre, ist es jetzt seines Lernprozesses bewusst. Das ist die Zeit, wenn die “Warum”-Fragen auftauchen.

Mit dem bewussten absorbierenden Geist baut es seinen Wortschatz auf und lernt lesen und schreiben.

Eine strukturierte, vorbereitete Umgebung ist in diesem Alter unerlässlich. Sie hilft deinem Kind, Interessen zu formen und neue Fähigkeiten zu meistern, ohne sich überfordert zu fühlen.

Es ist eine Lebensphase, in der dein Kind Erfahrungen macht, die ein Leben lang in Erinnerung bleiben und seine Persönlichkeit formen.

Eine gute (und kurze) Erklärung zum absorbierenden Geist nach Maria Montessori findest du auch in diesem Video:

Montessori: Der absorbierende Geist in 9 Minuten erklärt

Die vorbereitete Umgebung im bewussten absorbierenden Geist

Maria Montessori benutzt eine weitere zentrale Idee, “die vorbereitete Umgebung”. Die Idee geht aber weit über die einfache Gestaltung eines Raums hinaus.

Es umfasst die gesamte Umwelt eines Kindes, einschließlich der natürlichen, sozialen und emotionalen Aspekte, die es während seiner Entwicklung umgeben.

>>> Lies hier: Was ist eine vorbereitete Umgebung und worauf du achten solltest.

Die räumliche vorbereitete Umgebung

Im Mittelpunkt steht natürlich die räumliche Gestaltung. Dein Kind soll direkten Kontakt mit der Natur haben. Dies fördert nicht nur ihre Grobmotorik durch Laufen, Klettern und Balancieren, sondern schärft auch seine Sinne durch das Fühlen verschiedener Materialien wie Holz, Moos, Wasser oder Erde.

Zuhause sind Möbel in Kindergröße unerlässlich. Sie ermöglichen es einem Kind, selbstständig zu “arbeiten” (Montessori-Begriff für “konzentriertes Arbeiten mit Montessori-Material” und zu spielen.

Ebenso wichtig ist auch eine Auswahl an Materialien und Aktivitäten, die an die Interessen und den aktuellen Entwicklungsstand deines Kindes angepasst sind.

Zudem sollten wir unseren Kindern genug Zeit und Raum geben, um ihren eigenen Bedürfnissen und ihrem inneren Rhythmus zu folgen.

Die soziale und emotionale vorbereitete Umgebung

Ein weiterer wichtiger Bestandteil ist die soziale und emotionale Umgebung. Die Rolle von uns Eltern und anderen Betreuungspersonen ist hierbei von großer Bedeutung.

Kinder lernen durch das Beobachten von Erwachsenen, wie man spricht, sich verhält und mit anderen interagiert. Daher ist es wichtig, dass du dir deiner Vorbildfunktion bewusst bist und entsprechend handelst.

Kinder beobachten uns Erwachsene in allen Lebenslagen und übernehmen unsere Verhaltensweisen, Emotionen und Reaktionen.

Die zeitliche vorbereitete Umgebung

Auch die zeitliche Komponente spielt eine wichtige Rolle. Eine strukturierte Tagesroutine gibt Kindern Sicherheit und Orientierung.

Gleichzeitig muss die Umgebung so gestaltet sein, dass dein Kind in seinem eigenen Tempo arbeiten und sich seinen Aktivitäten widmen kann, ohne gestört zu werden. Dies ermöglicht ihm, sich voll und ganz auf seine Entwicklung zu konzentrieren.

Also plane nicht zu viele Aktivitäten oder Kurse und achte darauf, dass euer Tagesablauf nicht “gehetzt” wirkt.

Vater und Tochter erkunden Montessori Material
Vater und Tochter erkunden Montessori Material

Der absorbierende Geist nach dem sechsten Lebensjahr

Nach dem sechsten Lebensjahr erleben Kinder nach Maria Montessori einen entscheidenden Wandel im absorbierenden Geist.

Montessori spricht dann von einer geistigen Reifung, bei der dein Kind bereits über eine gewisse intellektuelle Entwicklung verfügt und beginnt, seine Umwelt bewusst wahrzunehmen und zu hinterfragen.

Die Natur spielt eine zentrale Rolle in dieser Phase, denn sie bietet unbegrenzte Möglichkeiten, Neugier und Staunen zu wecken.

Herausforderungen und Chancen:

  • Übergang zur bewussten Vorstellungskraft: Kinder entwickeln ihre Fähigkeit zur Abstraktion. Unterstützen können wir sie dabei mit Materialien, die zu kreativem und logischem Denken anregen.
  • Sozialisationsbedürfnis: Kinder suchen verstärkt den Kontakt zu Gleichaltrigen. Der Montessori-Erdkinderplan bietet hierfür einen Rahmen, indem gesellschaftliches Lernen gefördert wird.
  • Entwicklung moralischer Werte: Diskussionen und Rollenspiele helfen, Empathie und ethisches Verständnis zu vertiefen.

Wie können wir den Geist nach dem sechsten Lebensjahr fördern?

Wir verwenden die kosmische Erziehung als Ansatz, um das große Ganze zu vermitteln und das Bewusstsein für unsere gemeinsame Verantwortung zu schärfen.

>>> Lies hier: Was ist kosmische Erziehung, was sind die Vorteile und Tipps, die du Zuhause anwenden kannst.

Hier stehen die Vernetzung mit der Umwelt und die Betrachtung von Zusammenhängen im Vordergrund. Außerdem ist die Erdkinder-Arbeit eine praxisnahe Gelegenheit, Verantwortung zu übernehmen.

Der absorbierende Geist in der Praxis

Ein wertvolles Geschenk, das wir als Eltern unseren Kinder mitgeben, ist das Wissen über die Welt. Indem wir als Vorbilder agieren, sie mit Schönheit und der Vielfalt der Natur umgeben, und indem wir in einer reichen Sprache mit ihnen reden, ermöglichen wir ihnen, eine Fülle von Erfahrungen zu sammeln.

Diese Erfahrungen werden von den Kindern aufgenommen und werden zu einem Teil von ihnen.

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Was versteht man unter “absorbierender Geist” in der Montessori-Pädagogik?

Der “absorbierende Geist” beschreibt die Fähigkeit von Kindern, ihre Umgebung intensiv und ganzheitlich aufzunehmen und zu lernen. Es ist eine Zeit, in der sie besonders empfänglich für Eindrücke und Lernmöglichkeiten sind.

Kannst du mir Beispiele geben, wie Kinder im Montessori-Konzept ihre Selbstkontrolle entwickeln?

Kinder entwickeln ihre Selbstkontrolle, indem sie in einer Montessori-Umgebung aktiv wählen, womit sie sich beschäftigen möchten. Die Freiheit innerhalb von Grenzen und das selbständige Arbeiten mit Materialien tragen zur Entwicklung dieser wichtigen Fähigkeit bei.

Wie kann eine vorbereitete Umgebung die Entwicklung von Kindern fördern?

Eine vorbereitete Umgebung in der Montessori-Pädagogik ist reich an Materialien, die zum Lernen anregen und exakt auf die Entwicklungsstufe des Kindes abgestimmt sind. So kann dein Kind aktiv entdecken und auf natürliche Weise Kompetenzen erwerben.

Was sind denn diese sensiblen Phasen in der Entwicklungspsychologie und wie erkennt man sie?

Sensible Phasen sind Abschnitte in der Entwicklung deines Kindes, in denen es besonders aufnahmebereit für bestimmte Lerninhalte ist. Diese Phasen erkennt man daran, dass dein Kind ein starkes Interesse für bestimmte Aktivitäten zeigt und in diesen Bereichen rasch Fortschritte macht.

Wie wirken sich humane Tendenzen auf die Lernumgebung nach Montessori aus?

Humane Tendenzen wie Neugier, Orientierung oder der Drang nach Unabhängigkeit beeinflussen die Gestaltung der Lernumgebung. Sie ist so aufgebaut, dass sie diesen natürlichen Veranlagungen entgegenkommt und sie unterstützt.

Kannst du Tipps geben, wie man die Polarisation der Aufmerksamkeit bei Kindern unterstützen kann?

Ja, klar! Man kann die Polarisation der Aufmerksamkeit fördern, indem man einerseits für eine ruhige und strukturierte Umgebung sorgt und andererseits Materialien anbietet, die dein Kind so sehr fesseln, dass es ganz darin aufgeht und die Zeit vergisst.

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Montessori ebook
Authorin Maria Spilka
Die Autorin

Hi, ich bin Maria und seit 2018 eine Montessori Mom. Mit meinen beiden Kindern (geboren 2018 und 2023) und meinem Partner leben wir unseren Familienalltag Montessori-inspiriert und reisen aktuell um die Welt. Ich fand in Montessori eine erfüllendere Mutterrolle für mich und einen empowernden Erziehungsansatz für meine Kinder.

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